17. Juni 2016

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An einem kleinen Reihenhaus halte ich an, wir steigen ab und ich lehne das Fahrrad ans Zäunchen. Ich klopfe und Mommi macht uns auf.
„Das ist sie. Die Nieke“, sage ich.
„Ich weiß. Der Miloš hat sie mal mitgebracht. Aber ihr beide seid jetzt endlich mehr als Bandmitglieder, ja?“
Ich nicke und Nieke strahlt.
„Seit wann habt ihr euch denn?“
„Seit vier Stunden“, sagt sie, ohne auf die Uhr gucken zu müssen.
Sie lacht. „Und dann kommt ihr direkt zu mir? Junge, du bist ja verrückt. Hat dich etwa der Miloš angesteckt, bei dem immer alles sofort passieren muss?“
„Ich wollte nur, dass du es weißt. Aber jetzt gehen wir und lassen uns Zeit.“
„Macht das.“


letztes Kapitel

Ich habe keine Ahnung, womit wir die Tage zubringen. Es hat viel mit Händchenhalten und glücklichen Blicken zu tun, mit Reden und Schweigen, mit Lächeln und gelegentlichen Seufzern und natürlich ganz viel mit Zweisamkeit. Und dem Sehnen bis zum Wiedersehen, was meist am nächsten Tag stattfindet.
Wir treffen uns bei ihr oder bei mir oder ganz woanders, gehen spazieren, fahren Rad, segeln – aber man könnte uns auch in einem finsteren Kellerloch einsperren. Es wäre ganz egal. Na ja, fast egal. Ich bräuchte natürlich eine Küche in dem Loch. Ich kann auf einmal zu jeder Tages- und Nachtzeit essen. Sie dagegen lebt von Luft und Liebe.

Das Verliebtsein ist so wunderbar.
Vor allem kann ich es dieses Mal richtig ausführlich genießen, es gibt keine handgreiflichen Überfälle, keine zweideutigen Bemerkungen. Ich muss mir niemanden vom Leib halten, muss nicht flüchten, werde nicht manipuliert. Dass keine Spannung zwischen uns ist, möchte ich nicht sagen; natürlich prickelt es. Aber ich habe feste Prinzipien – und sie ist nicht der Typ für den ersten Schritt. Das hat sie, solange wir uns kennen, nie getan. Sie wird nicht auf einmal damit anfangen, nur weil wir in einer festen Beziehung sind.

Der Feierabend vom letzten Schultag vor den Sommerferien ist uns eine Feier wert. Wir sitzen gemeinsam auf der Terrasse und grillen vegetarische Köstlichkeiten, als ein Auto über den schmalen Pfad zwischen den Gärten und den Weiden gerumpelt kommt.
„Darf man da entlang fahren?“, wundert Nieke sich.
„Nö. Aber die Frau, der die Ponys gehören … nee, warte mal, die hat ein ganz anderes Auto. Was machen die denn da?“, frage ich eher mich selber, als das Fahrzeug an unserer Heckenpforte zum Stehen kommt.
„Das sind Merloš!“, hat Nieke sie schneller erkannt.
Stimmt, die hatten sich angekündigt; allerdings für den frühen Nachmittag. Ähäm! Ich hab sie gar nicht vermisst. Die beiden steigen aus und wir begrüßen uns.
„Ihr habt euch versöhnt, wie schön“, stellt Merle fest und strahlt.
Miloš guckt prüfend zwischen uns hin und her.
Als Antwort fasse ich Niekes Hand. Sie flicht ihre Finger in meine.
„Noch schöner“, sagt er leise. „Sehr gut, Bruder.“
Merle bleibt der Mund offen stehen. Aber nicht lange. „Ihr seid – echt? Endlich!“ Sie umarmt Nieke und knutscht mich rechts und links. „Seit wann? Ich freu mich so für euch!“
„Dem ersten“, schiebt Nieke in den Wortschwall ein.
„Elf Tage!“, quiekt Merle. „Geil! Wir waren elf Tage weg!“ Sie klopft Miloš auf den Arm, „Wir hätten eher abhauen sollen! Und Jeremy, wir haben das halbe Auto voller Sachen für dich! Dijana hätte uns fast ihre ganze Küche mitgegeben. Und er musste Rezepte für dich aufschreiben, und stell dir vor, dauernd hat er nachgefragt und sie musste erklären.“
„Ich verstehe nun mal nichts von den ganzen Küchensachen.“
„Andere Dinge kannst du dafür viel besser. Zum Beispiel Autofahren“, sagt sie und tut an ihm, was sie eben an mir getan hat. „Jeremy, auf kurzen Strecken fährt er entspannend, bei den langen Strecken wäre ich am liebsten gar nicht aus dem Auto gestiegen!“
„Ich kenn das, Merleschatz. Ist er denn die ganze Strecke alleine gefahren?“
„Ja. Er meinte, das würde gegen das Artenschutzabkommen verstoßen, wenn ich fahre.“
„Das Artenschutzabkommen?“
„Ich hab in Peckovar fast eine Katze überfahren“, gibt sie verlegen zu.
„Ts, ts, ts“, mache ich und rede von anderen Dingen: „Hast du übrigens einen Spitznamen bekommen?“
Sie lacht. „Einen? Merlinka, Merlanka, Merlutka, Merlička und so weiter. Aber wir waren ja erst einmal da, es kann noch viel passieren.“

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